Bandinfo

CLENNENER SESSIONBAND

Ein kleines, ziemlich wahres und nur leicht übertriebenes Dorfepos

von Alex Black & den Leuten, die in Clennen ohnehin nichts anderes vorhatten


Kapitel 1: Clennen, wo das WLAN nur aus Geschichten besteht

Clennen ist ein kleiner Ort bei Leisnig. Fünfzig Einwohner, ungefähr achtzehn Katzen, drei Traktoren, ein Briefkasten mit Persönlichkeit und ein Mobilfunkmast, der nur bei Vollmond Empfang liefert.

In Clennen gibt es Strom. Also manchmal. Genauer gesagt: immer dann, wenn gerade niemand einen Wasserkocher einschaltet. Das Internet ist ebenfalls vorhanden, wenn man „vorhanden“ großzügig als „es blinkt manchmal irgendwo“ definiert.

Andere Orte haben Clubs, Kinos und Lieferdienste. Clennen hat Wind, Stille und Zeit. Sehr viel Zeit.


Kapitel 2: Der Walkman vom Dachboden

An einem dieser Nachmittage, an denen die Uhr so langsam läuft, dass man ihr beim Denken zuhören kann, kletterte Alex Black auf den Dachboden.

Dort fand er zwischen alten Kisten, einer einzelnen Rollschuhbremse und einem ungelösten Puzzle aus den 90ern einen Walkman. Batteriebetrieben. Daneben lag eine Kassette mit handgeschriebenem Etikett: „Für dich. Bitte nicht lachen.“

Die Kassette war ein Relikt einer Jugendliebe, die längst Geschichte war. Die Lieder darauf aber nicht.

Willie Nelson. Kris Kristofferson. Hank Williams. Johnny Cash.

Und ja: Alex konnte die Kassette tatsächlich noch ein paar Mal hören, bevor die Batterien endgültig leer waren. Diese paar Durchläufe haben sich so tief eingebrannt, dass er jede Pause, jedes Knacken und jede schräge Lautstärkespitze irgendwann auswendig kannte.

Dann war Schluss. Batterie tot.

Alex versuchte trotzdem noch einen letzten Trick: Er nahm einen Bleistift, drehte das Band von Hand weiter und hielt dabei das Ohr direkt an die Kassette, als könnte pure Hoffnung magnetische Signale hörbar machen.

Das Ergebnis war technisch ambitioniert, emotional nachvollziehbar und praktisch katastrophal: Es schlug fehl – und produzierte den finalen Bandsalat. Die Kassette war danach komplett zerstört.

Erst dann traf Alex eine Entscheidung, die entweder genial oder eindeutig clennen-typisch war:

„Wenn ich die Lieder nicht mehr abspielen kann, lerne ich sie eben selbst.“


Kapitel 3: Offenes Fenster, laute Folgen

Alex übte Gitarre. Viel. Mit offenem Fenster.

Die ersten drei Tage klang es, als würde ein Schuhkarton versuchen, Country zu singen. Am vierten Tag erkannte man Akkorde. Am sechsten Tag blieb die Nachbarschaft stehen. Am achten Tag klingelte es.

Nicht wegen Lärmbeschwerde.

Wegen Mitspielen.


Kapitel 4: Der Hüter der Schafe und der Instrumenten-Alchemist

Der Erste war Steffen.

Offiziell: Sänger, Gitarrist, Mandolinist, Slide-Gitarrist. Inoffiziell: Hüter der Schafe von Clennen und Vollzeit-Archäologe für alles, was klingt.

Steffen hatte über Jahre Dachböden, Keller und Schuppen der Umgebung erforscht. Er brachte Dinge mit, die man in anderen Orten „Sperrmüll“ nennt, in Clennen aber „künftige Tonquelle“.

Eine Schaufel mit Saiten. Eine Keksdose mit Resonanzkörper. Ein alter Weidenkorb, der nach zwei Schrauben und etwas Hoffnung zu einer Art Percussion-Instrument wurde.

Wenn man Steffen fragt, ob etwas ein Instrument sein kann, sagt er: „Warte kurz, gib mir Draht.“


Kapitel 5: Kathryn und die Eisenbahn in die Freiheit

Dann kam Kathryn.

Violine, Gesang, eiserner Wille.

Kathryn hat sich in den Kopf gesetzt, in Eigenleistung eine Bahnverbindung nach Clennen zu bauen. Schiene für Schiene. Nagel für Nagel. Fluch für Fluch.

An besonders langen Tagen sitzt sie erschöpft auf den frisch verlegten Schienen, legt die Geige an und spielt Melodien, die klingen, als würde der Horizont kurz näher rücken.

Gerüchten zufolge hat ein Zugführer aus Riesa einmal ihr Geigenspiel gehört und aus Respekt gehupt, obwohl er 40 Kilometer entfernt war.


Kapitel 6: Finn, die Flut und der Kontrabass

Der Dritte war Finn.

Finn hatte ursprünglich einen Fluchtplan per Boot. Problem: Für eine Flucht braucht man Wasser. Clennen hatte stattdessen Maisfelder.

Nach mehreren Monaten Wartens auf die „große Flut“ (die nie kam), traf Finn erneut eine jener großen Clennen-Entscheidungen:

„Wenn schon kein Wasser, dann wenigstens Groove.“

Er baute das halbfertige Boot um.

Heute ist es ein Kontrabass. Groß, warm, eigensinnig. Und wenn Finn darauf spielt, klingt es, als würde ein alter Fluss durch trockene Erde wieder seinen Weg finden.


Kapitel 7: Die erste Probe

Die erste gemeinsame Probe war chaotisch.

Steffen stimmte gleichzeitig drei Instrumente und ein Schaf. Kathryn hatte Schotter in den Schuhen von der Schienenarbeit. Finn brachte einen Bass, der offiziell als Wasserfahrzeug begonnen hatte. Alex hatte Akkorde, Herz und ein Fenster, das noch immer offen stand.

Niemand war perfekt. Alle waren da.

Und plötzlich war da dieser Sound.

Nicht geschniegelt. Nicht glatt. Nicht laut um jeden Preis. Sondern ehrlich, staubig, warm und lebendig.

So klang Clennen, wenn es nicht mehr schweigen wollte.


Kapitel 8: Warum diese Band existiert

Die Clennener Sessionband ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern zwischen offenem Fenster, Dorfstaub und echter Spielfreude.

Sie entstand aus: – einem kaputten Tape, – einem offenen Fenster, – einem Dorf ohne Ablenkung, – und vier Menschen, die lieber Musik machen als darauf zu warten, dass „irgendwann mal was passiert“.

Sie spielen alte Lieder, weil sie bleiben. Sie spielen neue Lieder, weil sie müssen. Sie spielen zusammen, weil jeder allein nur halb so gut klingt.


Kapitel 9: Pressefassung in einem Satz

Die Clennener Sessionband ist eine akustische Country-Folk-Formation aus dem Dorf Clennen bei Leisnig, entstanden aus einem wiederentdeckten Mixtape, mangelnder Infrastruktur und sehr viel Einfallsreichtum – mit Alex Black (Gitarre), Steffen (Gesang, Gitarre, Mandoline, Slide), Kathryn (Violine, Gesang) und Finn (Kontrabass aus ehemals geplanter Fluchttechnik).


Epilog

Wenn in Clennen abends der Strom wieder ausfällt, ist das kein Problem. Dann wird eben gespielt.

Und manchmal, so sagt man, funktioniert in dem Moment sogar das Internet. Für ganze zwölf Sekunden.

Genug, um zu posten:

„Wir proben. Läuft.“

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